Kaum hat Daphne Gautschi den LK Zug Richtung Ausland verlassen, ist schon das nächste Talent auf dem Vormarsch. Charlotte Kähr (16) besticht beim LKZ und im U20-Nationalteam mit ihrer Wurfkraft.

Stephan Santschi - Nein, amüsiert waren sie nicht beim LK Zug, als Daphne Gautschi im Mai 2017 kurz nach Saisonende ihren Abschied bekannt gab. Das damals 16-jährige Toptalent wechselte überraschend früh ins Ausbildungscenter des französischen Spitzenklubs Metz Handball. Gerne hätten sie Gautschi noch etwas länger im Team behalten, schliesslich war ihre erste Saison auf SPL1-Niveau sehr viel versprechend. Mittlerweile hat die Talentschmiede der Zuger aber bereits die nächste Trouvaille entdeckt: Charlotte Kähr. Wie Gautschi ist auch sie bei ihrem Debüt in der SPL1 erst 16-jährig, ihre Position ist ebenfalls der linke Rückraum – und wie ihre Vorgängerin ist sie unerschrocken auf dem Vormarsch. «Eigentlich war Charlotte im ersten Jahr für die zweite Equipe in der SPL2 vorgesehen», sagt Christoph Sahli. «Sie hat sich aber so stark entwickelt, dass wir dies noch vor dem Saisonstart geändert haben.»

Sahli ist der Trainer von Zug II, nächste Saison wird er Damian Gwerder im Fanionteam beerben. Darüber hinaus ist er Assistenzcoach im Schweizer U20-Nationalteam, das am letzten Wochenende im Rahmen des Master Cups in Muotathal und Zug drei Länderspiele gegen Slowenien ausgetragen hat. Kähr war dabei die dominante Figur im Angriff, traf insgesamt 20 Mal ins gegnerische Netz. «Sie ist eine der Jüngsten und schon eine Leistungsträgerin. Ihre Shooter-Qualitäten sind unglaublich», schwärmt Sahli.

Handball ersetzt die Kletterwand

Bemerkenswert: Charlotte Kähr spielt noch nicht lange Handball, aktuell steht sie erst in ihrer vierten Saison. Die Dübendorferin kennt zwar die Hallen schon lange von innen, weil ihr Vater, der letztes Jahr an Krebs starb, und ihr Bruder Handball gespielt hatten. «Ich fand es aber nicht cool, das Gleiche zu tun wie mein Bruder», merkt sie schmunzelnd an. Sie probierte vieles aus, Kunstturnen beispielsweise oder Klettern. Letzteres machte sie richtig gut, im U12-Alter wurde Charlotte in den Disziplinen Speed und Bouldern Schweizer Meisterin.

Ich will Champions League und im Ausland spielen

Charlotte Kähr | Spielerin LKZ

Mit Handball begann sie schliesslich als 13-Jährige im U15-Nachwuchs von GC Amicitia Zürich – weil sie an der Sportschule neben dem Klettertraining Zeit für eine weitere Einheit hatte. Nachdem sie sich operativ den Blinddarm entfernen lassen musste, geriet ihre Karriere an der Kletterwand aber ins Stocken. «Ich habe zu früh wieder begonnen, meine Bauchmuskulatur war noch nicht so weit. Die Probleme verlagerten sich dann in den Rücken», erzählt sie. Da sie keine zufriedenstellenden Resultate mehr brachte, drohte der Rauswurf aus dem Regionalkader. «Ich stand vor der Wahl, mich in einem Kletterwettkampf zu beweisen oder mit der Handball-Regionalauswahl ein Turnier zu bestreiten. Ich entschied mich für jene Sportart, in der man an mich glaubte.»

Inspiriert von einer kleinen Welt- und Europameisterin

Mit dem Klettern hat sie aufgehört, und doch klettert sie weiter nach oben – und zwar in ihrer Karriere als Handballerin. Etwas mehr als zwei Jahre nach ihrem ersten Meisterschaftsspiel bei den Juniorinnen bestritt sie bereits das erste Nachwuchsländerspiel. Letzte Saison absolvierte sie bei den 1.-Liga-Frauen von GC Amicitia die erste Saison im Erwachsenen-Handball, dann folgte bereits der Wechsel nach Zug. Über die schnelle Entwicklung ist die junge Frau selber «sehr erstaunt», wie sie zugibt.

Die 1,73 Meter grosse und 75 Kilo schwere Athletin profitiert dabei von ihrer Kraft und ihrer Körpermasse. Kähr bringt viel Wucht in das Spiel ihrer Teams, auch in der Abwehr verrichtet sie wichtige Arbeit. Im Vergleich zu Gautschi fehlt es ihr noch etwas an der technischen Feinheit, wie Sahli anmerkt. Sie selber stellt fest, dass «ich mich im Angriff noch schwer tue mit der richtigen Entscheidung. Wann werfe ich, wann passe ich zum Kreis, wann spiele ich weiter?»

Kähr ist aber ehrgeizig genug, um sich weiter zu verbessern und wie Gautschi den Sprung über die Landesgrenze zu schaffen. «Ich will Champions League und im Ausland spielen.» Ihr Vorbild sei die 1,68 Meter grosse Stine Bredal Oftedal, die mit Norwegen drei Europa- und zwei Weltmeisterschaften gewann. «Sie zeigt, dass man auch als kleine Spielerin weit oben spielen kann.» Den vorzeitigen Abgang aus Zug strebt Kähr nicht an. Zunächst wolle sie ihre KV-Ausbildung an der United school of sports, welche noch bis 2020 dauert, abschliessen. Dass es bei ausserordentlichen Talenten aber plötzlich schnell gehen kann, zeigte Gautschi im Mai 2017.